"die gema-tarife werden so nicht durchgehen"

Interview mit Christian Lömmersdorf von der Alten Seilerei in Mannheim

Artikel veröffentlicht von Daniel Nagel | 07.09.2012, 15:43

Interview mit Christian Lömmersdorf von der Alten Seilerei in Mannheim

Das Publikum bei einer Veranstaltung in der Alten Seilerei,

Christian Lömmersdorfs Name ist untrennbar mit der Mannheimer Diskothek MS Connexion verbunden, der er in 15 Jahren in verschiedener Form verbunden war, bis er sich vor einiger Zeit entschloss, die Parties an den Nagel zu hängen und sich in Form der Alten Seilerei einen Livemusikclub aufzubauen.

LocationguidemapIn unserem Locationguide können über 1000 Live-Clubs anhand von Musikerbewertungen und exklusiven Informationen (bevorzugtes Genre, Größe, Backstagesituation, Technik etc.) recherchiert werden. Auch die Clubbetreiber und Veranstalter selbst sollen bei Backstage PRO zu Wort kommen und sich zu Branchenthemen äußern. Diesmal sprachen wir mit Christian Lömmersdorf über die Alte Seilerei, die vielfältigen Herausforderungen als Liveclubbesitzer, den Niedergang der Schallplattenkultur der DJs und die geplanten GEMA-Tarife.

 

Backstage PRO: Hallo Christian, vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst. Lass uns doch mit einer ganz grundsätzlichen Frage anfangen: Was ist eigentlich die Alte Seilerei?

Christian Lömmersdorf: Die Alte Seilerei ist ein Liveclub für Mannheim. Wir konzentrieren uns auf Livemusik. Partys sollen nur relativ selten stattfinden.

Auf eurer Homepage lese ich aber auch etwas von Kunst, Tanz, Ausstellungen und Sport. Wie passt das zusammen?

Kunst läuft bei uns nicht separat, sondern wird in die normalen Veranstaltungen einbezogen, beispielsweise in Form einer Ausstellung von Bildern. Außerdem haben wir bereits vor der Eröffnung eine Wrestling-Veranstaltung abgehalten und die werden wir auch weiterhin beibehalten.

Wie ist denn die Alte Seilerei räumlich beschaffen?

Im Prinzip ist es eine sanierte Industriehalle. Bei bestuhlten Veranstaltungen legen wir einen grauen Messeteppich aus, ansonsten belassen wir den Industriecharme bei und illustrieren die minimalistischen Formen der Halle mit Licht.

Wie groß ist denn die Alte Seilerei?

Sie hat eine Kapazität von 1200 Personen. Daher werden wir uns auch nicht auf einen speziellen Musikstil spezialisieren, sondern ein breitgefächertes Angebot aus ganz verschiedenen Bereichen der Musik bieten.

Alte Seilerei, Logo

Die Alte Seilerei ist eine neue Institution mit dementsprechend großen Gestaltungsmöglichkeiten. Hat dich das besonders gereizt an der neuen Aufgabe?

Im Moment reizt mich die Vielfältigkeit der ganzen Sache am meisten. Es wird nicht nie langweilig, denn jeder Künstler hat unterschiedliche Ansprüche. Das betrifft auch die Technik, die im Extremfall von einem Konzert zum anderen komplett verändert werden muss.

Das ist natürlich logistisch sehr anspruchsvoll.

Finde ich schon. Alles muss funktionieren und miteinander harmonieren. Es ist auf jeden Fall etwas anderes als DJ "XY" an den schon vorhandenen Turntable zu stellen.

Das war ja genau das, was du die ganzen Jahre im MS Connexion gemacht hast.

Genau.

 

"Ich bin zu alt für Partys"

 

Was waren die Gründe, es nicht mehr zu machen?

Ich bin einfach inzwischen zu alt für das Discogeschäft. Ich sehe meinen Platz nicht mehr zwischen 18- und 21-jährigen Teenies und habe das Interesse verloren, mir damit die Nächte um die Ohren zu schlagen. Mit zunehmendem Alter ändern sich eben die Interessen. Es war Zeit für etwas Neues, eine Aufgabe, die nicht nur Spaß macht, sondern mit der man sich mit Leidenschaft widmen kann. Im Idealfall kann man sich damit auch selbst verwirklichen oder sich sogar einen Traum erfüllen.

Im Gegensatz dazu sind die Partys im Verlauf der Jahre zunehmend zur Routine geworden?

Ja, auf jeden Fall. Irgendwann war es nur noch Fließbandarbeit: DJ buchen, Flyer gestalten, raus damit. Bei Bands muss man mehr recherchieren, sich einlesen, aktuelle Entwicklungen verfolgen.

Alte Seilerei und MS Connexion befinden sich auf dem Gelände des "Rhein Neckar Park".

Du hast das MS Connexion verkauft, aber es befindet sich auf demselben Areal wie die Alte Seilerei. Was für ein Gefühl ist das?

Kein schlechtes. Weiterentwicklung ist für einen Laden wie das MS Connexion wichtig. Der Laden hat junges Blut gebraucht. Ich habe dort mit 17 meine Ausbildung zum Bürokaufmann angefangen und bin jetzt 33. Ich war am Ende einfach betriebsblind.

Wie hat sich das denn geäußert?

Nachdem ich einige Tage nicht da war und den Laden wieder betreten habe, fielen mir Kleinigkeiten auf, beispielsweise eine Wand, die einen neuen Anstrich benötigte. Banale, aber wichtige Dinge.

Mit anderen Worten: Ein Wandel war nötig, weil du an einem Punkt warst, wo dir die Arbeit keinen Spaß mehr gemacht hat.

Genau. Das hat auch mit Veränderungen in der DJ-Szene zu tun. Inzwischen verwenden vor allem die jungen DJs fast nur noch Laptops. Man kann von außen gar nicht mehr beurteilen, ob der DJ überhaupt das Handwerk des Auflegens beherrscht oder ob sein Programm alles für ihn erledigt. Es ist selten, dass noch jemand mit dem guten alten Plattenkoffer kommt.

Du bist also ein Vinyl-Fan?

Ein DJ ist für mich jemand, der mit Vinyl oder meinetwegen mit CDs auflegt, aber niemand, der ein Notebook alles steuern lässt. Weiß ich, was das Notebook alles macht? Saubere Übergänge? Muss der DJ am Ende nur noch die Reihenfolge eingeben? Da geht viel Qualität verloren.

Die berühmte Schallplatten-Szene der DJs ist also erledigt?

Bis vor ungefähr fünf Jahren kamen sie alle noch mit dem Plattenkoffer. Die alten Hasen, die wir seit 10-15 Jahren immer wieder gebucht haben arbeiten auch heute noch mit Platten. Aber selbst von denen wechseln manche zum Notebook. Da ich bei diesen DJs aber ich weiß, dass sie es auch so können, habe ich mehr durchgehen lassen.

 

"Die GEMA-Tarife werden so nicht durchgehen"

 

Du bist inzwischen raus aus dem Diskotheken-Geschäft, aber du hast dir ja sicher die neuen GEMA-Tarife angesehen? Stell dir vor, du hättest das Connexion noch und müsstest die Tarife anwenden: Was wäre die Folge?

Ich glaube nicht, dass die Tarife so durchgehen. Für die Clubs ist das wie Russisches Roulette mit Volltreffergarantie. Wenn die Tarife kommen, müssen die Clubs schließen. Je näher der Termin rückt, desto größer wird der Widerstand werden. Und ich glaube, wir haben in Deutschland genug kluge Köpfe, die diese Tarife letztlich verhindern werden.

Die Band The High Kings live in der Alten Seilerei, 2012

In der Livemusikszene stehst du nun vor der Aufgabe, trotz der hohen Personal- und Energiekosten einen neuen Club zum Erfolg zu führen. Wie schafft man das?

Es ist wirklich schwierig. Die Margen bei Konzerten sind nicht halb so hoch wie viele denken, wohingegen der technische Aufwand enorm ist. Man muss also alles sauber durchkalkulieren, aber ob man wirklich steht oder fällt entscheidet sich durch die Partner in den Konzertagenturen. Die sind in der Lage, sehr faire Deals und Konditionen anzubieten. Es hängt viel davon ab, ob sie beispielsweise einen Festpreis für Künstler verlangen, möglicherweise sogar noch im Voraus oder ob man sich auf eine prozentuale Beteiligung einigen kann.

Wenn man neu in dem Geschäft ist, muss man ja zunächst Kontakte knüpfen und sich das Vertrauen der Agenturpartner erarbeiten. Wie macht man das?

Ich habe im Vorfeld bereits Agenturen angerufen oder angeschrieben und mich nach den Möglichkeiten einer dauerhaften Kooperation erkundigt. Bei der Sanierung und beim Umbau der Alten Seilerei habe ich mich auch von den einzelnen Agenturen beraten lassen, beispielsweise was die Anforderungen im Backstage-Bereich liegen oder wie die Räumlichkeiten beschaffen sollten. Die kamen auch vorbei, haben sich das alles angesehen und Vorschläge gemacht, die wir dann auch umgesetzt haben.

Die Kooperation begann also eigentlich schon vor der Eröffnung?

Genau. Sie haben bei ihren wiederholten Besuchen ja auch gesehen, dass nicht nur geschwätzt, sondern auch gearbeitet wurde. Dadurch haben wir ein gutes Verhältnis zu vielen Konzertveranstaltern in der Region aufgebaut.

Mit welchem Gefühl blickst du in die Zukunft?

Ich freue mich auf die neuen Aufgaben und Herausforderungen. Die Musik bleibt mir erhalten – das war mir wichtig!

Vielen Dank für das Gespräch!

 

→ Alle Infos zu einzelnen Clubs und anderen Veranstaltungsorten findet ihr im Locationguide!

Marie-Luise Dingler
Marie-Luise Dingler (Violinistin bei The Twiolins, Künstlerische Leitung bei Kammerkonzerte Darmstadt e.V. ): Er sollte jemanden einstellen, der gezielt Sponsorenarbeit betreibt (oder es selbst versuchen, ist nicht so schwer, wie man denkt), dann kann man Verluste oder kleine Gewinne ausgleichen und den technischen Aufwand bezahlen...
08.09.2012, 09:19 Antwort mit Zitat
Marie-Luise Dingler
Marie-Luise Dingler (Violinistin bei The Twiolins, Künstlerische Leitung bei Kammerkonzerte Darmstadt e.V. ): Dazu wurde der Studiengang des Kulturmanagers entwickelt und davon gibt es jetzt haufenweise arbeitswillige auf dem Markt :)
08.09.2012, 09:29 Antwort mit Zitat

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