Mitte März startet voraussichtlich der Musik-Streaming-Service Spotify in Deutschland. Wie bei vergleichbaren Streamingdiensten wird dem Konsumenten für eine monatliche Pauschale der Zugang zu Millionen Songs ermöglicht, auf die er je nach Tarif auch auf allen mobilen Endgeräten unbegrenzt zugreifen kann. Wir werfen einen Blick auf diese Modelle und fragen euch, was ihr davon haltet.
Nach langen erfolglosen Gesprächen mit der GEMA wird es neben Simfy, Rdio und Napster mit Spotify nun doch noch einen weiteren Anbieter in diesem Segment in Deutschland geben. Die Tatsache, dass man theoretisch keine Musik mehr kaufen muss, sondern über eine Flatrate alle denkbaren Titel auch unterwegs über individuell erstellbare Playlists hören kann, wirft die Frage auf, was dieses Geschäftsmodell dem Musiker bringt. Um diese Frage zu klären, möchten wir zunächst die Wertschöpfungskette in diesem System durchleuchten.
Das Angebot der Streaming-Dienste speist sich aus allen möglichen Titeln, für die Lizenzen erworben wurden. Der Erwerb dieser Lizenzen kann entweder direkt über Verhandlungen mit den Labels erfolgen oder über Verträge mit so genannten "Content Aggregatoren" (finetunes, The Orchard, zebralution), die über den Weg der Online-Distribution die Rechte von Labels, Künstlern oder diversen Band-Aggregatoren innehaben. Sind die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Kosten für die Zurverfügungstellung der Inhalte bzw. Songs geklärt, gilt es zudem noch die Verwertungsrechte zu regeln, wozu ein Rahmenvertrag mit der GEMA unumgänglich ist.
Sind all diese Faktoren geklärt, kann der Streaming-Anbieter unter Berücksichtigung seiner eigenen Kosten (Server, Streaming, Marketing, Personal etc.) seine Produkte gestalten. Hierbei kristallisieren sich aktuell zwei Tarife heraus. Bereits für ca. 5 Euro pro Monat erhält der Kunde einen unbegrenzten werbefreien Zugang zu 13 Mio. Songs. Für ca. 10 Euro gibt es zudem noch einen Offline-Modus, also einen Zugriff auf seine Playlists ohne Internetverbindung sowie mobile Anwendungen (Apps), um unterwegs nicht auf sein Hörerlebnis verzichten zu müssen.
Alleine das bloße Betrachten dieser Tarife lässt erahnen, dass ein Musiker bzw. Urheber hierüber nicht reich werden kann. Diese Vermutung belegen auch aktuelle Meldungen. On3-Radio warf vor kurzem einen Blick auf die Verkaufserlöse der Berliner Band Bodi Bill, die im vergangenen Jahr viele Erfolge verzeichnen konnte und deren letzte Tour meist in ausverkauften Hallen stattfand. Die Einnahmen bewegten sich in einem mehr als überschaubaren Rahmen: Mit 5300 Streams im November 2011 über Simfy verdienten die Berliner ganze 6,20 Euro. Wer nun denkt, dieses Phänomen beziehe sich nur auf nationale Acts oder Newcomer, der liegt falsch. Selbst Lady Gaga scheint über Streaming-Angebote nicht wirklich nennenswerte Umsätze zu verzeichnen. Laut Informationen des Independent (April 2010) verdiente die Popdiva mit 1 Mio. Streams des Songs Pokerface innerhalb eines Jahres sage und schreibe 108 Pfund (129 Euro), also 0,000129 Euro pro Stream.
Wenn man nun in Betracht zieht, was eine Produktion kostet und wieviel Zeit diese in Anspruch nimmt, wird einem Künstler sicher schwarz vor Augen, wenn er sich ausrechnet, wie lange es dauert bis er diesen Aufwand bzw. die Kosten alleine über Streaming-Angebote wieder eingespielt hat. Nicht umsonst spricht On3 Radio vom "Hartz IV unter den Vergütungsmodellen" im Internet.
Vertriebsplattformen wie z.B. iTunes, Musicload oder Amazon versprechen über so genannte "A-la-Carte-Downloads" (individuelle kostenpflichtige Downloadmöglichkeit von einzelnen Songs) wesentlich mehr Erlöse für den Künstler (bis zu 50 Cent pro heruntergeladenem Song). Wären Streamingplattformen lediglich eine Art Serviceerweiterung, die Fans und Musikliebhaber zum Kauf der Musik über andere Kanäle animiert, könnte man über das magere Erlösmodell eventuell noch hinwegsehen. Studien belegen jedoch, dass der permanente Zugriff auf das enorme Repertoire eher eine hemmende Wirkung auf das Kaufverhalten der User über andere Kanäle hat. Diese nicht wirklich überraschende Erkenntnis veranlasste Ende 2011 über 200 Indielabels, das Songmaterial ihrer Künstler aus dem Angebot von Spotify, Napster, Simfy und Rdio entfernen zu lassen.
Spotify reagierte auf diese Entscheidung mit einer Stellungnahme, in der auf die Wachstumsphase eines noch jungen Geschäftsmodells hingewiesen wird, das mit einer zunehmenden Userzahl in naher Zukunft für alle Beteiligten beträchtliche Einnahmen generieren werde. Die Betreiber müssen sich trotz dieser sehr optimistischen Prognose die Frage gefallen lassen, ob deren Businessplan nicht zu einem Großteil auf den mageren Erlösen der Musiker beruht. Ebenso ist der langfristige Kannibalisierungseffekt in Richtung klassischer Vertriebskanäle nicht absehbar. Selbst wenn die Vorhersage der Spotify-Betreiber zutreffen sollte und Musiker zukünftig halbwegs akzeptable Erlöse über deren Angebot erzielen, muss genau analysiert werden, welchen Effekt dieses mögliche Wachstum auf andere Vertriebskanäle hat.
Ein weiteres Argument mit dem Streaming-Plattform-Anbieter gerne ihre Daseinsberechtigung unterstreichen, ist die angebliche Verringerung illegaler Downloads. Da die angesprochene Zielgruppe vorwiegend aus jungen bzw. jugendlichen Musikkonsumenten bestehe, so die Betreiber, wirke sich eine zunehmende Akzeptanz von Streaming-Angeboten reduzierend auf Filesharing und illegale Downloads aus. Nachhaltige Belege liegen uns hierzu noch nicht vor. Vielmehr ergibt sich aus der jüngsten "Studie zur Digitalen Content-Nutzung (DCN)", dass 2010 mehr Songs illegal heruntergeladen wurden als in allen Jahren davor (angeblich 900 Millionen Titel – alleine in Deutschland).
Es bleibt demnach abzuwarten inwieweit sich eine Wechselwirkung in den kommenden Jahren evtl. doch noch zugunsten des legalen Musikvertriebs einstellt. Ob ein Preismodell von 5 Euro/Monat mit Zugriff auf 13 Mio. Songs dazu führt, dass Musik beim Konsumenten, wie von der Industrie seit Jahren gefordert, auch im Internet mehr Wertschätzung erfährt, darf aber bezweifelt werden.
Manche Musiker werden sich in diesem Zusammenhang sicher auch die Frage stellen, womit sie eher leben können: Mit der Tatsache, dass jugendliche "illegal" deren Musik tauschen oder mit der Erkenntnis, dass Unternehmer mit deren Werken Profit generieren, während sie selbst einen verhältnismäßig geringen Betrag erhalten. Dieser ist unseren Abrechnungen zufolge zudem noch von Land zu Land stark divergierend. Während ein in Frankreich über Spotify gestreamter Song 0,0000121 Euro für den Künstler abwirft, erhält er in Finnland beim selben Streaming-Service 0,0088 Euro – also das 727-fache. Wie sich diese Spanne betriebswirtschaftlich rechtfertigen lässt, konnten wir bis zum aktuellen Zeitpunkt nicht in Erfahrung bringen. Wir bleiben dran!
Nun ist jedoch erstmal eure Meinung gefragt:
Über Backstage PRO bieten wir Bands und Musikern die Möglichkeit ihre Musik weltweit in über 400 Shops und Downloadportalen zu vertreiben. Optional auch über die hier angesprochenen Streaming-Anbieter. Wir würden gerne von euch wissen, wie ihr zu diesen Geschäftsmodellen (Spotify, Simfy und Co.) steht. Schreibt uns eure Meinung. Wir freuen uns über einen regen Diskurs.



130 Kommentare vorhanden - Vorherige Kommentare zeigen
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dass andere Länder anderes herangehen… empfinde ich nicht als stichhaltiges Argument. Ich kenne das umgekehrt aus der Atomdebatte.
„Folgender (...) Mehr anzeigenSatz“ „Daher ist auf jeden Fall zu begrüßen, dass simfy die gespielten Künstler überhaupt entlohnt"
Sagt sehr viel aus über die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Musik aus. Das ist das Prinzip Praktikum.
Diesen Satz „..nämlich Musik über das Internet zu einem fairen Preis anzuhören“
kann ich nur unterstützen. Jedoch finde ich das “faire Moment“ gegenüber den Musikschaffenden im der Diskussion zu Grunde liegenden Artikel nicht. Vom einen Extrem ins andere. Diese Diskussion ist ein Politikum und reicht weit über Grenzen der Musikbranche hinaus. Immer öfter höre ich „Jede Arbeit ist besser als gar keine Arbeit, egal zu welchem Lohn“.
Für mich ist das auf Seiten der Nutznießer blanke Ideologie und Selbstausbeutung der Leistungserbringer.
Solange quasi Arbeitszwang herrscht, für alles Geld verlangt wird und ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht in Sicht ist, kann ich nicht sehen warum ausgerechnet eine Leistung, die nicht nur erbracht sondern auch ausdrücklich erwünscht wird aus Gründen des technischen Fortschrittes keine pekuniäre Anerkennung erfahren sollte. Absurd.
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dass andere Länder anderes herangehen… empfinde ich nicht als stichhaltiges Argument. Ich kenne das umgekehrt aus der Atomdebatte.
„Folgender Satz“ „Daher ist auf jeden Fall zu begrüßen, dass simfy die gespielten Künstler überhaupt entlohnt"
Sagt sehr viel aus über die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Musik aus. Das ist das Prinzip Praktikum.
Diesen Satz „..nämlich Musik über das Internet zu einem fairen Preis anzuhören“
kann ich nur unterstützen. Jedoch finde ich das “faire Moment“ gegenüber den Musikschaffenden im der Diskussion zu Grunde liegenden Artikel nicht. Vom einen Extrem ins andere. Diese Diskussion ist ein Politikum und reicht weit über Grenzen der Musikbranche hinaus. Immer öfter höre ich „Jede Arbeit ist besser als gar keine Arbeit, egal zu welchem Lohn“.
Für mich ist das auf Seiten der Nutznießer blanke Ideologie und Selbstausbeutung der Leistungserbringer.
Solange quasi Arbeitszwang herrscht, für alles Geld verlangt wird und ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht in Sicht ist, kann ich nicht sehen warum ausgerechnet eine Leistung, die nicht nur erbracht sondern auch ausdrücklich erwünscht wird aus Gründen des technischen Fortschrittes keine pekuniäre Anerkennung erfahren sollte. Absurd.
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dass andere Länder anderes herangehen… empfinde ich nicht als stichhaltiges Argument. Ich kenne das umgekehrt aus der Atomdebatte.
„Folgender Satz“ „Daher ist auf jeden Fall zu begrüßen, dass simfy die gespielten Künstler überhaupt entlohnt"
Sagt sehr viel aus über die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Musik aus. Das ist das Prinzip Praktikum.
Diesen Satz „..nämlich Musik über das Internet zu einem fairen Preis anzuhören“
kann ich nur unterstützen. Jedoch finde ich das “faire Moment“ gegenüber den Musikschaffenden im der Diskussion zu Grunde liegenden Artikel nicht. Vom einen Extrem ins andere. Diese Diskussion ist ein Politikum und reicht weit über Grenzen der Musikbranche hinaus. Immer öfter höre ich „Jede Arbeit ist besser als gar keine Arbeit, egal zu welchem Lohn“.
Für mich ist das auf Seiten der Nutznießer blanke Ideologie und Selbstausbeutung der Leistungserbringer.
Solange quasi Arbeitszwang herrscht, für alles Geld verlangt wird und ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht in Sicht ist, kann ich nicht sehen warum ausgerechnet eine Leistung, die nicht nur erbracht sondern auch ausdrücklich erwünscht wird aus Gründen des technischen Fortschrittes keine pekuniäre Anerkennung erfahren sollte. Absurd.
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Quelle: Taschenbuch „Opa & der Rock’n’Roll“ – erhältlich im Buchhandel
(Libri, KNV-Sortiment), sowie buecher.de und amazon.de
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Unterstreiche da "guramys" und "Fid Rizz" Position.
Trotzdem : auch die Musiker selbst sollten sich sinnvoll (...) Mehr anzeigenverhalten.
1.) Keiner sollte komplette Tracks ins Internet stellen - auch wenn es ( nur !? ) zum Anhören aus einem embedded player im Browser ist . Heißt also
immer nur soundmäßig reduzierte oder deutlich eingeschränkte kurze Apetizer-Versionen reinstellen.
2.) Selbstverständlich sollten Musiker dementsprechend nur mit Streaming-Diensten ( oder "Content Aggregatoren", wie auch immer ) zusammenarbeiten, die eine Vergütung garantieren, die sich garantiert NIE und NIMMER aus einer Musikflatrate von 5,- oder 10,- Euro / Monat erwirtschaften laesst !!!
3.) Um Punkt 2) auch durchzuhalten, sollten sich gerade GENREVERWANDTE Bands - also z.B. von Bluesrock bis max. Hardrock, je mehr Bands, desto besser - eine gemeinsame Website als Werbeplatform mit Links zu ihren jeweiligen Internet-Shops anlegen. Diese laesst sich dann auch finanziell vertretbar (!!!) continuierlich UND effektiv in den Medien bewerben. Und zwar durchaus AUCH mit diesem Argument der fairen Entlohnung für Musikstuecke.
4.) zum Abschluß; mir persoenlich stinken Geschichten wie "der Urheber hat alle Rechte, kann mit dem Produkt tun, was er will,... eben auch verschenken ..." ( hab irgendwo in der Naehe so was gelesen ).
Klar hat jeder das Recht auf Einnahmen zu verzichten, bitte schoen, aber dann sollte es irgendne
Standard-Entl.-Verpflichtung dahin gehend geben, dass dann autom. an gemeinnuetzige Institutionen geblecht wird !!!!!!! ( und zwar eher ueber (!!) den standard-preisen je musicfile )
Wer immer Produkte ( ganz egal welcher Art ) mit professionellem Anspruch ODER Erfolg produziert, ist moralisch verpflichtet Entlohnung dafür entgegenzunehmen. Wer das nicht tut, macht anderen den Lebensunterhalt kaputt ( wenn es nicht sogar / ohnehin um einen verdeckten Verdraengungswettbewerb geht ). So einfach ist das !!
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Zu 2) laesst sich noch sagen : natuerlich kann es auch nen streaming-dienst geben, der zu geringen monatlichen beitraegen zugang gibt, dann aber nur zu demo-versionen, die samt und sonders DEUTLICH mit nem "brand" des streamers gekennzeichnet sind !
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